Das Wochenbett
In unserem Kulturkreis leiden 50-70% aller
Frauen nach der Geburt am sogenannten Baby-Blues und 10-12%
an einer Depression nach der Geburt.
Schiefenhövel zweifelt Untersuchungen
an, dass der Grund dafür im hormonellen Chaos liegt, in
welches die Mütter stürzen: „Bei den Frauen
in Papua-Neuguinea liegt der Prozentsatz dieser Störungen
bei ca. 9%. Für sie ist die Geburt fast ein orgastisches
Erlebnis. Dieses soll nach zwei bis drei Tagen nicht mehr relevant
sein?“
Den Grund des gravierenden Unterschiedes
sieht Prof. Schiefenhövel im Umgang mit der Wöchnerin.
Es gibt dort in jedem Dorf ein eigenes Wochenbetthaus, eine
Schutzzone für Mutter und Kind. Dort können sie sich
ungestört aufeinander einstellen und aneinander gewöhnen.
Früher hat auch bei uns die Wochenbettzeit sechs Wochen
gedauert. Prof. Schiefenhövel mutmaßt, dass der Grund
für die vielen Frauen mit Depressionen bei uns darin liegt,
dass dieses Grundbedürfnis nach ungestörter Zweisamkeit
von Mutter und Kind bei uns viel zu wenig beachtet wird.
Babys Bedürfnisse
In traditionellen Kulturen kommt es äußerst
selten vor, dass Mütter nicht stillen können. Das
Baby will immer bei der Mutter sein, Tag und Nacht. Dort erfährt
es alle notwendigen Stimuli wie Nahrung, Gerüche, Kontakt,
Bewegung. Die Aktivitätsprofile von Mutter und Baby sind
identisch. Mütter in diesen Kulturen erfüllen die
Elementarbedürfnisse ihrer Kinder ganz selbstverständlich.
Als Erbe aus unserer Vorzeit erwartet das Kind diese Stimuli,
das Gehirn braucht sie – auch unsere Kinder in den westlichen
Industriegesellschaften sind darin nicht anders.
Jedoch die Konzepte der traditionellen und
der westlichen Kulturen sind verschieden.
In traditionellen Kulturen gelten die kindlichen
Signale als Äußerungen eines schützenswerten,
unfertigen Menschen, die unverzüglich und konsistent befriedigt
werden.
Bei uns wird das Eingehen auf die Signale
des Babys vermieden oder verzögert aus Angst, vom Kind
manipuliert zu werden.
Oxytocin – das Liebeshormon
Durch einen evolutionsbiologischen Vorgang
wären wir von der Natur wunderbar darauf vorbereitet, die
Bedürfnisse erfüllen zu können – durch
die Ausschüttung von Oxytocin. Es ist beim Orgasmus beteiligt,
bewirkt die Wehen und damit die Geburt, es lässt die Milch
fließen, es bewirkt die Bereitschaft der Mutter, sich
liebevoll um ihr Baby zu kümmern.
Prof. Schiefenhövel betont: „Nur
wenn ein Säugling seine Bedürfnisse erfüllt bekommt,
kann er die nächste Stufe erreichen, so wird er selbständig
und unabhängig.“
Isolde Seiringer |