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    Nahrung, Schutz und ferne Liebe sind nicht genug
 

Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel hat sich jahrelang in Papua-Neuguinea aufgehalten. Besonders beeindruckend dort war für ihn immer der Umgang der Mütter mit ihren Babys.

Buchtipp: Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel: „Ethnomedizinische Perspektiven zur frühen Kindheit“, VWB Verlag


Das Wochenbett

In unserem Kulturkreis leiden 50-70% aller Frauen nach der Geburt am sogenannten Baby-Blues und 10-12% an einer Depression nach der Geburt.

Schiefenhövel zweifelt Untersuchungen an, dass der Grund dafür im hormonellen Chaos liegt, in welches die Mütter stürzen: „Bei den Frauen in Papua-Neuguinea liegt der Prozentsatz dieser Störungen bei ca. 9%. Für sie ist die Geburt fast ein orgastisches Erlebnis. Dieses soll nach zwei bis drei Tagen nicht mehr relevant sein?“

Den Grund des gravierenden Unterschiedes sieht Prof. Schiefenhövel im Umgang mit der Wöchnerin. Es gibt dort in jedem Dorf ein eigenes Wochenbetthaus, eine Schutzzone für Mutter und Kind. Dort können sie sich ungestört aufeinander einstellen und aneinander gewöhnen. Früher hat auch bei uns die Wochenbettzeit sechs Wochen gedauert. Prof. Schiefenhövel mutmaßt, dass der Grund für die vielen Frauen mit Depressionen bei uns darin liegt, dass dieses Grundbedürfnis nach ungestörter Zweisamkeit von Mutter und Kind bei uns viel zu wenig beachtet wird.

Babys Bedürfnisse

In traditionellen Kulturen kommt es äußerst selten vor, dass Mütter nicht stillen können. Das Baby will immer bei der Mutter sein, Tag und Nacht. Dort erfährt es alle notwendigen Stimuli wie Nahrung, Gerüche, Kontakt, Bewegung. Die Aktivitätsprofile von Mutter und Baby sind identisch. Mütter in diesen Kulturen erfüllen die Elementarbedürfnisse ihrer Kinder ganz selbstverständlich. Als Erbe aus unserer Vorzeit erwartet das Kind diese Stimuli, das Gehirn braucht sie – auch unsere Kinder in den westlichen Industriegesellschaften sind darin nicht anders.

Jedoch die Konzepte der traditionellen und der westlichen Kulturen sind verschieden.

In traditionellen Kulturen gelten die kindlichen Signale als Äußerungen eines schützenswerten, unfertigen Menschen, die unverzüglich und konsistent befriedigt werden.

Bei uns wird das Eingehen auf die Signale des Babys vermieden oder verzögert aus Angst, vom Kind manipuliert zu werden.

Oxytocin – das Liebeshormon

Durch einen evolutionsbiologischen Vorgang wären wir von der Natur wunderbar darauf vorbereitet, die Bedürfnisse erfüllen zu können – durch die Ausschüttung von Oxytocin. Es ist beim Orgasmus beteiligt, bewirkt die Wehen und damit die Geburt, es lässt die Milch fließen, es bewirkt die Bereitschaft der Mutter, sich liebevoll um ihr Baby zu kümmern.

Prof. Schiefenhövel betont: „Nur wenn ein Säugling seine Bedürfnisse erfüllt bekommt, kann er die nächste Stufe erreichen, so wird er selbständig und unabhängig.“

Isolde Seiringer