News Winter 2025
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Wenn es schmerzt
Wunde Mamillen gehören zu den häufigsten Herausforderungen in der Stillzeit und zugleich zu den zentralen Gründen für vorzeitiges Abstillen. Obwohl sie in der Regel gut behandelt werden können, erleben viele Frauen in den ersten Tagen nach der Geburt deutliche Schmerzen, Verunsicherung und Einschränkungen beim Stillen. Im Rahmen des diesjährigen Stillkongresses präsentierte Dr.in Gudrun Böhm ein umfassendes Update zum Management wunder Mamillen, das sowohl klassische Aspekte wie korrektes Anlegen als auch neue Entwicklungen im modernen Wundmanagement beleuchtete. Ihr Vortrag bot eine differenzierte Zusammenführung von Praxiswissen, aktuellen Empfehlungen und neuen therapeutischen Optionen.
Häufigkeit und typische Charakteristika
Das Auftreten wunder Mamillen konzentriert sich vor allem auf die Tage vier bis sieben nach der Geburt – eine Phase, in der sich der Stillprozess noch etabliert, die Brustdrüsenschwellung häufig ihren Höhepunkt erreicht und Eltern sowie Fachpersonal intensiv mit Feinabstimmungen der Stilltechnik beschäftigt sind. Dass diese Problematik einer der häufigsten Gründe für frühzeitiges Abstillen ist, unterstreicht die Relevanz eines fundierten, evidenzbasierten Umgangs.
Dr.in Böhm betonte, dass Schmerzen an den Mamillen in den meisten Fällen ein Symptom sind – nicht die Ursache. Die naheliegende Frage lautet daher stets: Woher kommt die Schädigung? Erst wenn die Ursache identifiziert und behoben ist, lässt sich nachhaltige Heilung erreichen.
Vielschichtige Ursachen: Von Technik bis Anatomie
Der Vortrag machte deutlich, wie breit das Spektrum möglicher Ursachen ist. An erster Stelle steht die inkorrekte Anlegetechnik, die häufig mit einer suboptimalen Positionierung des Kindes und einem flachen, ineffektiven Anlegen einhergeht. Ebenso relevant ist das Saugen ohne ausreichenden Milchfluss, das insbesondere in den ersten Tagen und bei verzögertem Milcheinschuss auftreten kann.
Auch physiologische Veränderungen spielen eine Rolle. Während der initialen Brustdrüsenschwellung kann es zu einem Lymphödem im Mamillenbereich kommen, dass das Erfassen der Brust erschwert und Reibung begünstigt. Weitere mögliche Ursachen reichen von oralen Restriktionen beim Kind über die Passform der Mamille im Verhältnis zur Mundgröße bis hin zu stark invertierten Mamillen oder dem unsachgemäßen Einsatz von Milchpumpen.
Neben mechanischen Faktoren können auch dermatologische Reaktionen – etwa durch Seifen, Salben oder allergene Nahrungsmittel – die Mamillen empfindlich machen. Bei älteren Stillkindern rücken wiederum unachtsames Anlegen oder Beißen in den Vordergrund. Die Vielfalt der potenziellen Auslöser erfordert daher eine sorgfältige, individuelle Diagnostik.
Prävention: Die Basis der Versorgung
Die wichtigste präventive Maßnahme bleibt das korrekte, tiefe Anlegen. Fachpersonen spielen hier eine zentrale Rolle, indem sie Eltern frühzeitig, geduldig und wiederholt begleiten. Auch das Auslösen des Milchspendereflexes vor dem Anlegen sowie häufigere, kürzere Stillmahlzeiten können die mechanische Belastung der Mamillen reduzieren.
In den ersten Tagen rät Dr.in Böhm zu Self-Attachment und Intuitivem Stillen, da diese kindgeleitete Herangehensweise oft eine tieferes Anlegen ermöglicht. Zur Entlastung während der Initialen Brustdrüsenschwellung empfiehlt sie die RPS-Methode, kombiniert mit sanfter Brustmassage zur Verbesserung des Milchflusses.
Auf Stilleinlagen sollte in den ersten Tagen verzichtet werden, um Reibung und Feuchtigkeitsstau zu vermeiden. Muttermilch, die an der Luft trocknen darf, unterstützt den Heilungsprozess auf natürliche Weise. Auf Schnuller verzichten viele Fachpersonen in den ersten Wochen bewusst, um einem veränderten Saugverhalten vorzubeugen. Bei stark eingezogenen Mamillen können Hilfsmittel wie Mamillenformer oder der Latch Assist® das Erfassen erleichtern.
Diagnostik: Der Blick in die Tiefe
Eine sorgfältige Anamnese ist unerlässlich. Fragen zur Geburt (inklusive möglicher Plazentareste oder erhöhtem Blutverlust) können Hinweise auf hormonelle oder physiologische Einflüsse geben. Die Beobachtung einer Stillmahlzeit liefert oft den entscheidenden Hinweis auf das Kernproblem.
Ebenso wichtig ist die Beurteilung der kindlichen oralen Anatomie, sowie die Brust- und Mamillenform der Mutter. Fachpersonen sollten außerdem Pumptechnik und eingesetzte Hilfsmittel evaluieren. Die kindliche Gewichtszunahme bietet zusätzliche Orientierung.
Für die Dokumentation können Visual Analog Scale und Nipple Trauma Score eingesetzt werden. Dr.in Böhm betonte jedoch, dass auch dann eine Abklärung notwendig ist, wenn äußerlich wenig sichtbar ist – Schmerzen ohne klare Läsion sind keinesfalls zu bagatellisieren.
Therapie: Bewährtes und Neues im Zusammenspiel
Am Beginn der Behandlung steht eine adäquate Wundreinigung. In der Klinik eignet sich NaCl 0,9 %, zu Hause sind Wasser und milde Seife ausreichend. Die Desinfektion erfolgt heute zunehmend mit hypochloriger Säure (HOCl), die Octenisept® in vielen Punkten überlegen ist: Sie wirkt breit antimikrobiell, verhindert Biofilme, ist nicht zytotoxisch und für Säuglinge sicher – auch bei oraler Aufnahme. Zudem brennt sie nicht und hinterlässt keine Rückstände. Der optimale keimtötende Effekt wird lt. Dr.in Böhm nach etwa zwei Minuten Einwirkzeit erreicht.
Im Anschluss folgt das Prinzip der feuchten Wundheilung, das sich im Bereich der Mamillenpflege seit Jahren bewährt hat. Hochgereinigtes Lanolin schafft ein feuchtigkeitsregulierendes Milieu, das gleichzeitig vor Austrocknung und Aufquellen schützt. Die Diskussion rund um freie Lanolin-Fettalkohole (FLA) setzt sich fort, doch sind alle gängigen Präparate hypoallergen und für die Anwendung an wunden Mamillen geeignet. Unterschiede im FLA-Gehalt betreffen primär die Balance zwischen Wasserbindungsfähigkeit und potenziellem Allergierisiko, ohne dass bisher eine Überlegenheit eines Produkts nachgewiesen wurde.
Druckentlastung – beispielsweise durch Donuts – sorgt für das Aufrechterhalten der Mikrozirkulation und kann Schmerzen reduzieren. Bei Bedarf ergänzt eine systemische Schmerztherapie mit Ibuprofen, Dexibuprofen oder Paracetamol die Behandlung. Parallel müssen immer Position und Anlegetechnik optimiert werden; ohne ursächliche Korrektur bleibt die Therapie unvollständig.
Infizierte Mamillen: Wenn lokale Mittel nicht ausreichen
Zeigen sich Infektionszeichen, muss zusätzlich eine wirksame antimikrobielle Therapie erfolgen. Hier haben sich Kombinationssalben wie Vobaderm ® (Cortison und Miconazol) oder – im Wechsel – Decoderm Comp® (Cortison und Gentamycin) bewährt. Bei speziellen Erregern wie MRSA kommen Bactroban Nasensalbe oder Fucidin-Salbe infrage.
In seltenen, besonders hartnäckigen Fällen kann eine systemische Antibiotikatherapie notwendig werden, etwa mit Cephalosporinen oder Clindamycin. Entscheidend ist in allen Fällen ein „stillfreundliches“ interdisziplinäres Netzwerk, das fachlich kompetent und therapeutisch abgestimmt agiert.
HOCl: Eine neue Ära in der antiseptischen Mamillenpflege?
Ein Schwerpunkt des Vortrags war die zunehmende Bedeutung von hypochloriger Säure. Sie ist seit 2021 von der WHO als „essential drug“ anerkannt und bildet einen natürlichen Bestandteil des menschlichen Immunsystems. Ihre breite Wirksamkeit gegen Bakterien, Viren, Pilze und Sporen sowie die Fähigkeit, Biofilme zu durchdringen und zu zerstören, machen sie zu einem zentralen Baustein modernen Wundmanagements.
Besonders bemerkenswert ist ihre hohe Gewebeverträglichkeit, die Abwesenheit zytotoxischer Effekte und die Tatsache, dass sie Fibroblasten und Keratinozyten aktiv anzieht – ein Mechanismus, der die Wundheilung fördert.
Für den Bereich der Mamillenpflege liegen bislang keine spezifischen Studien vor, doch nähern sich klinische Praxis und internationale Leitlinien diesem Einsatzgebiet zunehmend an. Dr.in Böhm betonte, dass HOCl nicht nur bei infizierten, sondern potenziell auch bei nicht infizierten Wunden eingesetzt werden kann, wenngleich in der Prävention derzeit kein dringender Handlungsbedarf besteht.
Unterstützende Maßnahmen
Neben der medizinischen Versorgung kann die Low Level Laser Therapie (LLLT) die Heilung zusätzlich fördern. Sie ersetzt jedoch keinesfalls eine fundierte Stillberatung oder das konsequente Wundmanagement, sondern ergänzt diese sinnvoll.
Fazit
Der Vortrag von Dr.in Gudrun Böhm verdeutlichte, wie differenziert und zugleich praxisnah das Management wunder Mamillen heute betrachtet werden muss. Zwischen klassischen Grundlagen – wie korrektem Anlegen und präventiven Maßnahmen – und den Entwicklungen im modernen Wundmanagement ergibt sich ein umfassendes Handlungsspektrum.
Die Einführung von HOCl als schonende, effektive Alternative zu Octenisept ®, die weiterführende Diskussion rund um Lanolinpräparate und die Betonung einer präzisen Diagnostik zeigen, dass der Weg zur erfolgreichen Behandlung wunder Mamillen interdisziplinär, individualisiert und evidenzgeleitet sein muss.
Für Fachpersonen bedeutet dies: wachsamer Blick, sorgfältige Beobachtung, fundierte Beratung – und die Bereitschaft, neue therapeutische Ansätze verantwortungsvoll zu integrieren. Nur so lässt sich gewährleisten, dass betroffene Mütter die Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um schmerzfrei und erfolgreich weiterstillen zu können.


