News Frühjahr 2018

Hier geht es zur kompletten Ausgabe News Frühjahr 2018

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© Böhm

Zu Beginn erinnert er sich an die Arbeitssituation in den Zeiten, bevor frühes Bonding zur Routine wurde: Wenn ein Anästhesist den Kreißsaal betreten hat, wirkte die Atmosphäre immer etwas angespannt. Das lag daran, dass Interventionen bevorstanden und die Geburt, sowie der Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind „gestört“ wurden. Diese Vorbehalte mussten aufgebrochen werden und durch gegenseitiges Lernen und Respektieren relativiert werden.

Der klassische Anästhesist handelt und sieht unmittelbar danach die Reaktion, er macht und tut, was ihm in der Intensivmedizin zur Verfügung steht. Er ist medizinisch sehr fokussiert, er beschäftigt sich mit Physiologie, Pathologie, Pharmakologie … und ist dadurch gefordert. Er redet nicht viel mit Menschen, dies hat den Vorteil, dass es kaum Interaktionsschwierigkeiten gibt. Anästhesie im Kreißsaal ist eine entscheidende Aufgabe, sie wird jedoch nicht als große Herausforderung gesehen.

Bonding nach Sectio – kein Widerspruch, sondern eine Aufgabe

2013 stellte sich bei einer Umfrage unter KollegInnen heraus, dass sich die verschiedenen Berufsgruppen unterschiedlich zur Thematik Bonding äusserten. AnästhesistInnen waren damals eher dagegen, GynäkologInnen konnten sich teils damit anfreunden und Hebammen waren grundsätzlich positiv gestimmt.

Heute ist Bonding nach Sectio integraler Bestandteil im Marienkrankenhaus. Die Sectiohäufigkeit ist von 1991 bis 2016 von 15% auf 30% gestiegen, momentan ist die Tendenz wieder leicht sinkend.

10% – absolute Indikation,
z.B. Querlage, Plazenta praevia

88% – relative Indikation,
z.B. BEL, Mehrlinge

2% – ohne medizinische Indikation,
z.B. Wunschsectio

Im Vergleich zur vaginalen Geburt ist die respiratorische Beeinträchtigung bei Babys nach einem Kaiserschnitt ausgeprägter. Je früher das Baby per Kaiserschnitt geholt wird, desto größer ist das Risiko einer beeinträchtigten Atmung. Deshalb sollte die Sectio eigentlich nahe dem errechneten Geburtstermin gemacht werden.

In Bezug auf das Stillen ist der Unterschied signifikant: Durch Kaiserschnitt entbundene Kinder haben weniger Stillerfolg als vaginal entbundene Kinder. Mitgründe sind die veränderte hormonelle Situation und die eventuelle Trennung von der Mutter.

Es ist jedoch wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Initiative BFHI den Stillerfolg wesentlich verbessert. In den „10 Schritten zum erfolgreichen Stillen“ wird unter Schritt 4 angeführt, dass Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt in Hautkontakt bleiben sollen. Und innerhalb der ersten zwei Stunden muss es ermöglicht werden, dass die Mutter das Baby anlegt. Die Effekte des frühen Hautkontaktes wirken sich auch noch in viel größerem Ausmaß aus. „KMC“ (Kangaroo Mother Care) hat einen signifikanten Einfluss auf das Stillen und die Entwicklung. Es wurde z.B. festgestellt, dass schulische Leistungen besser sind oder der spätere Berufserfolg größer ist, wenn nach der Geburt Hautkontakt gehalten werden konnte.

Hautkontakt ohne Unterbrechung

Prof. Dr. Rolf ist überzeugt, dass es sich auszahlt, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es macht einen Unterschied und es lohnt sich, darin zu investieren. „Schöne Fliesen im OPSaal sind gut, machen aber keinen Unterschied. Es macht aber einen Unterschied, wie man im Kreißsaal bzw. im OP auftritt, wie die Haltung ist. Es muss Müttern einfach immer ermöglicht werden, im Hautkontakt bleiben zu können“, so der Hamburger Anästhesist.

Die einzige große Frage in der Diskussion um Sectio-Bonding ist, wer die Verantwortung für die Mutter und das Kind nach der Geburt übernimmt. Hier braucht es Vereinbarungen zwischen AnästhesistInnen, GeburtshelferInnen und Hebammen.

Risiko Kaiserschnitt

  • Ein Kaiserschnitt ist eine Operation, die immer Risiken birgt.
  • Die Qualität der Anästhesie ist eingeschränkt.
  • Es gibt immer einen Grund für eine Sectio. Eine entspannte Operation gibt es nicht. Positive und negative Emotionen sind dadurch vorhanden.
  • Der Vater ist anwesend, unerfahrene KollegInnen können damit meist nicht gut umgehen.
  • Das Monitoring ist eingeschränkt wegen des Bondings. Die Mutter muss besser beobachtet werden, wenn Geräte nicht angewendet werden, gibt es keine Alarme, der Anästhesist muss genauer hinschauen und beurteilen.
  • Neugeborene können Anpassungsstörungen haben oder schlimmstenfalls herunterfallen.
  • Die Mutter kann Probleme mit dem Kreislauf bekommen.
  • Das Stillen wird beeinträchtigt oder sogar unmöglich.

Worst case ist der Schaden an Mutter und/oder Kind – bis hin zum Tod. Die Wahrscheinlichkeit ist annähernd 0%. Eine gute Überwachungsqualität muss aber gewährleistet bleiben, denn die Gefahr ist immer präsent. Trotz Bonding und dem Bedürfnis, den intimen Moment nicht zu stören, wird die Überwachung nur schrittweise zurückgenommen.

Bonding – Voraussetzungen

  • Es wird eine PDA durchgeführt.
  • Das Neugeborene ist gesund.
  • Die Mutter kann und will bonden.
  • Die medizinische Stabilität ist gewährleistet.
  • Keine Einwände von den FachärztInnen, stört jemanden die Anwesenheit des Vaters, muss er draußen bleiben. Bonding mit Vater im Falle, dass es nicht bei der Mutter möglich ist, kann im Nebenraum erfolgen.
  • Ausreichend Personal muss vorhanden sein, bei Personalausfall ist die Überwachung eingeschränkt.
  • Hypothermie beim Neugeborenen wird vermieden, im OP ist es wärmer als in anderen, warme Windeln sind vorbereitet.

Am Ende des Vortrags bezieht sich Prof. Rolf noch auf oft gestellte Fragen bezüglich Narkose und Stillen. In diesem Falle gibt es gute Untersuchungen. Wenn die Mutter nach einer Narkose wieder in der Lage ist Ihr Kind anzulegen, darf sie stillen. Weder die pharmakokinetischen Eigenschaften der im Zusammenhang mit der Narkose verwendeten Mittel, noch die klinischen Erfahrungen begründen eine zusätzliche Stillpause.

Es ist nicht zu verstehen, dass die Maßnahme des Sectio-Bondings nicht als Standard in jeder Geburtsklinik etabliert wird. Es bedarf keines erhöhten finanziellen Mehraufwandes, nur einer verantwortungsvollen Haltung und des Wissens, welche Vorteile Mutter und Kind daraus entstehen.

Provokant gefragt: Bewahrheitet sich hier wieder die Annahme „Was nichts kostet, ist nichts wert?“ Bonding nach Sectio könnte künftig doch auch als medizinische Leistung in der Geburtshilfe deklariert werden…