News Herbst 2017

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Muttermilch … Immer Zeit, Alter und Bedürfnissen angepasst!

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© Fischerlehner

Muttermilch ist die ideale Ernährung für jedes Kind. Sie beinhaltet alle Inhaltsstoffe für eine gesunde Ernährung, sie ist immer verfügbar und sie ist sicher. Ihre Zusammensetzung entspricht den jeweiligen Bedürfnissen. Sie ist variabel innerhalb der Mahlzeit, je nach Tageszeit, Laktationsstadium und genetischen mütterlichen Faktoren und Umweltfaktoren.

Muttermilch wird schon seit den 60er Jahren erforscht und es gibt zahlreiche Studien darüber. Diese sollten immer sehr genau betrachtet werden. Denn unterschiedliche Gewinnung, Lagerung und Messmethoden machen einen Vergleich schwierig. Bei Spendermilch wurden Forschungsmethoden standardisiert, jedoch keine Rücksicht auf das Laktationsstadium genommen, damit ist der Vergleich auch wieder eingeschränkt. Man müsste Muttermilch für 24 Stunden sammeln und diese in den einzelnen unterschiedlichen Stadien analysieren, dann wären die Daten annähernd vergleichbar.

Nutritive Inhaltsstoffe

Dazu zählen Makronährstoffe, wie Proteine, Fett und Kohlehydrate, und Mikronährstoffe, z. B. Spurenelemente und Vitamine. Hier sehen wir Unterschiede in der Zusammensetzung je nachdem, welche Milch untersucht wird (Frühgeborenenmilch, Spendermilch, reife MM) und in welchem Reifestadium die Analyse gemacht wird. Der Bedarf des Kindes ist variabel. Zum Beispiel ist der Energiegehalt in der Pretermmilch am höchsten, daraus schließen wir, dass Frühgeborene am meisten Energie benötigen. Ca. 400 verschiedene Proteine werden zu 80–90% in den Lactozyten synthetisiert. Sie haben eine ganze Reihe an bioaktiven Wirkungen, nicht nur in der Immunabwehr sondern auch in der Formung und Absorption anderer Nährstoffe. Mangelernährte Frauen haben einen geringeren Proteingehalt als Frauen mit einem hohen BMI und auch bei einer höheren Milchmenge ist der Proteingehalt etwas niedriger. Abbauprodukte von Eiweiß wie z.B. Harnstoff, Kreatin, Kreatinin und freie Aminosäuren sind auch als Antioxydantien wirksam. Sie aktivieren Enzyme, werden damit im Darm wirksam und gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass die Nieren nicht überlastet werden.

Fett wird vorwiegend aus dem endogenen Depot entnommen. Wichtige Aufgaben in der Phase des Wachstums und der Entwicklung werden von ca. 200 verschiedenen Fettsäuren erfüllt. Vor allem für das Gehirn und das zentrale Nervensystem und auch die Entwicklung der Retina sind Fette wichtig. Wir wissen, dass der Fettgehalt der Muttermilch sehr variabel und beeinflussbar ist. Je nach Laktationsstadium, Tageszeit, Ernährung der Mutter und Füllungsgrad der Brust ändert sich der Fettgehalt und die Zusammensetzung der Fette.

Lactose ist das Hauptkohlehydrat in der Muttermilch, sie bleibt während der ganzen Laktation relativ konstant. Humane Oligosaccharide, Glycoproteine und Bifidus-Bakterien gelten nicht als Energieträger, viel mehr haben sie andere bioaktive Aufgaben.

Bioaktive Inhaltsstoffe

Zu den bioaktiven, nicht nutritiven Substanzen zählen lösliche, zelluläre und bakterielle Komponenten. Humane Oligosaccharide sind unverdaulich und haben genetische Informationen. Das heißt, jede Frau hat in ihrer Muttermilch verschiedene Merkmale. Im Darm können Pathogene an bestimmten Stellen andocken und eine Infektion verursachen. Oligosaccharide können diese Andockstellen im Darm besetzen und schützen somit vor Infektionen.

Ein nächster wichtiger Inhaltstoff sind die humanen Wachstumsfaktoren. Einer davon ist der „epidermal grow factor“ (EGF), der dafür sorgt, dass der Darm des Kindes noch weiter reift und sich an die Darmfunktionen anpassen kann. Es gibt noch eine Reihe anderer Wachstumsfaktoren, die über das Blut auch noch in anderen Geweben im Körper für Reifung sorgen.

2007 ist man durch die Forschung an Ratten zur Erkenntnis gekommen, dass Stammzellen in der Muttermilch die Fähigkeit haben, sich in verschiedenen Geweben auszudifferenzieren und dort Funktionen übernehmen können.

Der Verdauungstrakt ist die größte Fläche im Körper, die Kontakt zur Außenwelt hat. Damit treffen wir mit allen Pathogenen und Umwelteinflüssen zusammen. Barrierefunktionen müssen gebildet und aufrechterhalten werden. Wir leben mit einer Vielfalt von Mikrobiomen in Symbiose, auch diese muss wachsen und erhalten werden. Der Fetus erhält Mikronährstoffe über das Fruchtwasser, mit der Geburt kommt es zu einer abrupten Unterbrechung der Ernährung und das Kind wird aktiv enteral ernährt. Es kommt zur Besiedelung des Darmes, was eine große Herausforderung für den Verdauungstrakt bedeutet.

Kolostrum

Dieses „flüssige Gold“ enthält Ernährungsfaktoren, Immunfaktoren und Wachstumsfaktoren. Vor allem der EGF (epidermal grow factor), der für die Reifung des Darmes eine große Rolle spielt, ist in hohem Ausmaß vorhanden. Aufgrund des Proteingehaltes ist Kolostrum dickflüssiger, es enthält sehr viele Zellen, vor allem Makrophagen. Betacarotin kann freie Radikale abfangen, die bei der Geburt in hohem Maße anfallen. Das Kind kommt bei der Geburt mit einer Vielfalt von Keimen in Kontakt, die Immunabwehr wird durch Kolostrum bestens unterstützt. Kolostrum ist salzhaltiger, dadurch wird extrazelluläre Flüssigkeit schneller ausgeschieden, was zu physiologischer Gewichtsabnahme führt.

Das körpereigene Energiesystem des Neugeborenen ist sehr sensibel. Wenn man hier eingreift, können unter Umständen größere Probleme entstehen. Kolostrum ist diesem Energiesystem angepasst und als Energielieferant unverzichtbar.

Preterm-Milch

Die intrauterine Ernährung läuft über die Nabelschnur. Fruchtwasser ist zu 15% am Wachstum des Kindes beteiligt. Im dritten Trimenon kann der Fetus bis zu einem Liter Fruchtwasser am Tag schlucken. Fruchtwasser enthält sehr viele Aminosäuren, Vitamine, Mineralien, Hormone und Wachstumsfaktoren. Dem Frühgeborenen fehlt die letzte intrauterine Wachstumsphase. Viele Organfunktionen sind noch nicht entsprechend ausgereift. Mit ca. 32 SSW können alle Verdauungsenzyme gebildet werden, die Mobilität des Darmes kann aber noch eingeschränkt und der orale Nahrungsaufbau somit erschwert sein. Der Nährstoffbedarf ist erhöht und muss auf venösem Wege zugeführt werden.

Der erhöhte Energiebedarf und die Einschränkung in der Energieaufnahme stellen eine große Herausforderung in der Ernährung eines Frühgeborenen dar. Die Kalorienzufuhr sorgt für Gewichtszunahme, die Proteinzufuhr beeinflusst Längen- und Kopfwachstum. Für die optimale Entwicklung eines Frühgeborenen muss also die Energie- und Proteinzufuhr im richtigen Verhältnis sein. In der Pretermmilch ist der Proteingehalt und der Gehalt der Spurenelemente höher. Auch Lysozym, Laktoferrin und IgA sind erhöht und gleichen sich nach mehreren Wochen der reifen Muttermilch an. Für kleine Frühgeborene muss Muttermilch daher noch weiter angereichert werden um den Bedarf für Wachstum und Reifung zu decken. Im idealen Fall werden dafür muttermilchbasierte Fortifier verwendet.

Bei diesen Risikokindern braucht es eine Ernährungsstrategie. So früh wie möglich wird neben der parenteralen Ernährung mit der enteralen Fütterung mit Muttermilch in kleinen Dosen begonnen. Damit wird die Reifung im Gastrointestinaltrakt gefördert, die Nahrung wird besser toleriert und der orale Nahrungsaufbau ist schneller möglich. NEC- und Sepsisgefahr werden dadurch gesenkt.

Stillen des Kleinkindes

Studien zeigen, dass Kinder die länger gestillt werden, ein geringeres Adipositasrisiko haben. Stillen über das erste Lebensjahr hinaus bringt aber noch mehr Vorteile mit sich. Das Kleinkind kommt beim Erkunden der Umwelt mit vielen Keimen in Kontakt. Der Nestschutz flaut ab und das eigene Abwehrsystem muss erst aufgebaut werden. Mit Muttermilch ist das Kind am Besten unterstützt. Der Protein- und Natriumgehalt sind in der Entwöhnungsphase wieder höher, während der Lactosegehalt niedriger wird.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Muttermilch in allen Phasen des Säuglings- und Kleinkindalters „der Goldstandard“ ist. Ihre bioaktiven Substanzen geben die besten Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung. Sie ist dynamisch und anpassungsfähig. Für Risikokinder ist die Kenntnis der Variabilität unverzichtbar um bei Bedarf mit einer geeigneten Supplementation die individuellen Bedürfnisse abzudecken.